Einer Albi-Reuschi-Urlaubstradition nach, der wir auf dieser Reise noch nicht erfolgreich frönen konnten, hatten wir uns in Sydney frühzeitig Karten für ein Sportevent gekauft. Auf diesem Weg trat Cricket in unser Leben. Das letzte von fünf Länderspielen gegen Indien sollte es sein und erst zum Ende unseres Besuchs in Sydney stattfinden. So hatten wir vorab genügend Zeit uns dieser – Jan schrieb es ganz treffend in einer SMS – völlig absurden Sportart zu nähern.
Es begann schon in Dubai, wo es einige Jungs – natürlich nur die Herren der Schöpfung – auf einem leeren Parkplatz spielten. Damals verstanden wir noch gar nichts, was es nur noch faszinierender machte. In Sydney sahen wir es nun ständig. Abends und an den Wochenenden spielten die Leute es – hier durchaus auch in gemischten Mannschaften – mit größerer oder kleinerer Ernsthaftigkeit und scheinbar viel Spaß. Und dass, obwohl Cricket nun wirklich unaustralisch ist. Der Australier ist einfach unsagbar fit und sportlich, beim Cricket jedoch dürfte der Kalorienverbrauch des Zuschauers nicht unbedingt unterhalb dem der Spieler liegen. Die meiste Zeit stehen sie einfach nur rum. Die Kleidung kann man vermutlich mehrfach tragen ohne sie zu waschen, schmutzig wird sie jedenfalls nicht und schwitzen tut ja auch niemand.
Vorbereitet durch unsere Wochenendbeobachtungen und ein grobes Überfliegen des Regelwerks machten wir uns auf zum Moore-Park. Im diesem zauberhaften Park liegt nicht nur das Cricketstadion, auch die Rugbyspieler haben hier ihr Zuhause und außerdem ist alles voller wunderschöner Feigenbäume. Henning hält bestimmt an geeigneter Stelle Fotos bereit. Vor dem Stadion ist ein großes Fressdorf mit Leinwand aufgebaut und es gibt reichlich Merchandisingartikel zu erwerben. Ehrlich gesagt ließen sich Australier und Inder auch ohne landesfarbige Kleidung gut unterscheiden, aber bitteschön.
In der dem Australier so eigenen Freundlichkeit führt uns ein Aufseher an eine Kasse, an der wir die online erworbenen Tickets abholen können und freut sich sichtlich über unseren Besuch. Und nachdem er erfährt, dass wir aus Deutschland kommen, erzählt er uns von seiner Begeisterung für Fußball. In echt wird hier einfach jede Form von Sport geliebt. Während ich diese Zeilen schreibe, im Yarranabbe-Park sitzend und auf die Segelschiffbucht schauend, kommt ein Spaziergänger an den Trimm-Dich Geräten vorbei, stellt seine Cokebüchse ab und macht trotz seines riesigen Rucksacks 10 Klimmzüge, schnappt sich die Coke und spaziert weiter. Ich war niemals an einem Ort, an dem Sportkleidung so allgegenwärtig ist wie hier. Außer vielleicht XXL-Jogginganzüge im Partnerlook in Steilshoop, aber irgendwie ist das anders.
Es gibt getrennte Einlässe für Menschen mit und Menschen ohne Gepäck. Nur, dass an dem Einlass für Menschen ohne Gepäck kaum jemand hinein möchte. Wir wundern uns. Außerdem wundern wir uns über die wenigen Menschen die Bier kaufen, aber es ist ja auch erst später Mittag, etwas früh, um anständigerweise mit dem Trinken zu beginnen. Nichts, dass uns abhalten würde. Der Verkauf ist übrigens auf vier Bier pro Person pro Bestellung begrenzt, welch liebevolle und überflüssige Erziehung uns hier angediehen wird. Auf unseren Plätzen sitzen wir noch recht allein, nur nach und nach trudeln die Zuschauer herein.

Kurz vor Beginn des Spiels: Gähnende Leere im Stadion. Das sah beim Buchen der Tickets doch noch anders aus?!?
Indien gewinnt den Münzwurf und so schlägt Australien zuerst. Nach etwa einer Stunde schätze ich, ist das Stadion dann voll. Es ist ja auch nicht so, dass es hier auf eine Stunde mehr oder weniger ankäme. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass wir nach einigen Stunden zu zweit – ja so ein Sitzplatz ist schon Luxus – eine Kleinigkeit essen und trinken gehen und erst eine Dreiviertelstunde später wieder auf unseren Plätzen sitzen, ohne dass etwas Nennenswertes passiert wäre. Tatsächlich fliegt so selten einer der Schlagmänner vom Platz, dass sich alle ganz aufgeregt umarmen und beglückwünschen, wenn es dann doch mal passiert. Während des Spiels geht immer mal wieder einer der Spieler aus der Defence Autogramme für die Zuschauer am Rand schreiben. Die Zuschauer futtern langsam aber sicher ihre Rucksäcke leer, immerhin nimmt der typische Mitteleuropäer in der Zeitspanne der Spielzeit normalerweise zwei Mahlzeiten zu sich, warum sollte das in Australien anders sein?
Kinder bekommen zur Überbrückung Videospiele in die Hand gedrückt und die Ausgabeanzahl Bier pro Mensch wird auf zwei reduziert. Das Flutlicht wird angeschaltet. Es ist eine fröhlich entspannte Veranstaltung, die erst etwa eine Stunde vor Ende spannend wird. Dann aber wirklich. Wirklich knapp gewinnt Indien etwa acht Stunden nach Anpfiff – sofern das hier so heißt – das Spiel. Ein Großteil der Zuschauer ist mittlerweile leicht angetrunken, wer hätte das bei Beginn gedacht?
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