Luftlinie ist Osh gar nicht fern, allerdings kragt Usbekistan ins Land, daher ist die Fahrstrecke um einiges weiter, wenn man keine Landesgrenzen überschreiten möchte. Unabhängig von der Zeit, die wir an der Grenze einplanen müssten, lässt unser Visum nur eine Einreise nach Usbekistan zu, daher werden wir den Umweg nehmen und dann wahrscheinlich schon in Jalal-Abad ein Zuhause für die Nacht suchen. Denn noch wollen wir etwas mehr von Kirgistan sehen.

Die Fahrt beginnt wunderschön. Immer wieder müssen wir für Fotos anhalten oder auch nur, um den grandiosen Ausblick etwas länger genießen zu können. Irgendwann fahre ich aber doch allein weiter, das Fahren bringt nach der langen Pause in Bishkek nämlich riesigen Spaß! An einem See halte ich an und warte auf Henning. Als er endlich kommt habe ich schon einen längeren Spaziergang und zwei Müsliriegel hinter mir. Und dann mache ich eine Reise! Stocksauer ist Henning. Was alles hätte passieren können, man trennt sich nicht ungeplant usw. Bös werde ich ausgeschimpft. Er hat ja recht, wie eigentlich immer.

Die gute Stimmung ist dann jedoch vorbei. Ich kann die Fahrt nicht mehr genießen, weder Landschaft noch Tiere muntern mich auf. Und das, obwohl es sogar Schnee gibt. Wir halten nur noch, wenn es unbedingt nötig ist und reden wenig miteinander.

Kurz vor Jalal-Abad beschließen wir trotz des fortgeschrittenen Tages bis Osh weiterzufahren. Wir wünschen uns eine hübsche Unterkunft mit eigenem Bad, die in Osh sicher leichter zu bekommen sein wird. Eine dumme Entscheidung, wie wir bald einsehen müssen.

In einer Haarnadelkurve passiert es, ich bin schon fast wieder auf der Geraden als mein Moped doch noch wegrutscht. „Mist,“ denke ich „hier ist zuviel Verkehr! Ich rutsche auf die Gegenfahrbahn!“ Mit aller Kraft reiße ich am Lenker, das Moped dreht sich, aber stoppt natürlich nicht. Ich sehe das Auto kommen und rolle mich rum, um meine Beine aus Fahrbahn zu ziehen. Vielleicht genügt es, vielleicht hat er noch Platz zum ausweichen, auf jeden Fall berühren wir uns nicht. Ich sehe Henning einige Meter voraus fahren und bin froh, dass wir zusammen sind. Schnell springe ich auf und laufe durch die Autos zum Fahrbahnrand. Jetzt, wo ich glimpflich davon gekommen bin, möchte ich nicht doch noch angefahren werden. Mein linker Unterarm schmerzt und ist gleichzeitig taub, sonst geht es mir gut. Reuschi kommt angelaufen und schiebt mit einem Autofahrer mein Moped an den Rand der Straße. Hier ist leider nicht die ideale Stelle zum Halten. Ich brauche erst mal etwas Zeit zur Bestandsaufnahme. Die fällt dann aber ganz positiv aus. Einige Löcher in der Kleidung, einige Schrammen und dieses Problem mit dem Unterarm. Mit Hilfe der anderen Hand kann ich jeden Finger bewegen, nur allein geht es nicht. Einige Minuten später ist aber auch das möglich. Es tut weh und wird eine ordentliche Schwellung geben, richtig kaputt ist aber nichts. Das Moped ist auch okay. Koffer und Tank haben einige Millimeter Material verloren, die Handbremse muss neu eingestellt werden, ansonsten ist alles okay. Henning sammelt noch die Münzen ein, die aus meiner Hose kullerten. Ich kann es kaum glauben, so knapp war es noch nie! Ich dachte, das Auto mäht mir die Beine ab, es ist kaum möglich, dass wir nicht kollidierten. Die nächsten Kilometer bin ich dankbar, bewundere die Landschaft und erfreue mich am Leben. Wie konnte ich nur so kindisch sein am Vormittag? Wegen Nichts mir so den Tag verderben?

Die Schmerzen werden schlimmer, ich nutze der Arm so wenig wie der Einzylinder und die Strecke es zulassen und muss trotzdem viel weinen. Ich möchte aber unbedingt nach Osh und mich in Ruhe und anonym im Hotel erholen. Den nahen Menschenkontakt eines Homestays kann ich jetzt nicht ertragen. Also fahren wir weiter durch die Dunkelheit. Totmüde und mit Unterstützung eines Taxis auf den letzten Metern erreichen wir das Hotel. Nach einer Dusche vertilge ich die letzten Müsliriegel und schlafe ein.