Wir kommen spät los. Durch die gestrigen Wolkenbrüche trocknete unsere Wäsche schlecht und scheinbar wurde mal wieder die Uhr umgestellt. Richtig Zeit verlieren wir aber an der Grenze bei Zhdanovakani / Bavra. Die Ausreise ist schnell erledigt. „Wo geht’s hin? Alles Gute!“ Und wech sind wir.
Dann fahren wir so lange durchs Niemandsland, dass ich befürchte, illegal eingereist zu sein. Eine fast fertige Baustelle zeigt schon einmal die künftige Grenze, noch ist sie aber geschlossen. Also fahren wir dran vorbei und immer weiter. Pferde grasen am Straßenrand. Mist, der fehlende Einreisestempel wird bei der Ausreise Probleme machen. Nicht dass Sie denken wir kommen aus Aserbaidschan oder der Türkei. Irgendwann kommen doch noch einige Baracken mit offizieller Nutzung. Und es gibt viel zu tun: Nach dem bekannten Passprozedere nebst „Wohin fahren Sie?“ und „Yerevan, wie schön, viel Spaß.“ Werden wir aufgefordert die Mopeds am Rand zu parken. Also richtig, die eine etwas zurück, die andere weiter nach vorne. Hm, na gut, es wird also dauern.
Wir werden in ein Büdchen geleitet, zeigen noch mal die Pässe und Fahrzeugscheine und bekommen ein Formular. Hm, das wird schwierig, Muster gibt es nicht und die hübschen armenischen Buchstaben können wir nicht lesen. Die Zahlen sind arabisch, mehr verstehe ich nicht. Ein fröhlicher Grenzer, der leicht nach Alkohol riecht, schiebt uns in den Keller, dort füllen zwei Herren das Formular aus. Das machen die übrigens auch für die armenischen und georgischen Reisenden und verlangen hierfür 6.000 Lari. Ich nutze die Zeit, um die Schlachtszenen des Sandalenfilms, der im Hintergrund läuft, zu genießen. Großes Geschreie und viel Blut, nach dem es fast aussichtslos war gewinnen die Guten – problemlos an gefälligeren Gesichtszügen und reinlicherer Kleidung zu erkennen – doch noch. Großartig! Die Synchronisation ins vermutlich Armenische ist etwas lauter über die originale Tonspur gelegt, die aber noch deutlich zu hören ist. Da sind wir schon ganz schön verwöhnt zu Hause. Mit 11 US $ bin ich dabei und warte auf Hennings theoretisch parallele Abfertigung. Aber irgendwas passt nicht, er durchläuft den ersten Teil im Erdgeschoss nochmal. Vielleicht habe ich noch Zeit bis zur Liebesszene? Ich sehe den blutigen tapferen Helden praktisch schon die anmutige sauber strahlende Prinzessin küssen, die doch sicherlich bald auftauchen wird. Aber Henning ist dann doch durch und mir entgeht das zweifellos glückliche Ende des Films. Wir diskutieren noch kurz mit den Servicekräften über die Kosten, einigen uns endlich darauf dass Hennings Abfertigung auch nur 11 US $ kostet und nicht 21 und wollen schon zurück zu den Mopeds, als uns der freundliche Mann mit dem Hang zum Hochprozentigen wieder ins Erdgeschoss schiebt. Zwei Zimmerchen kennen wir schließlich noch garnicht und hier muss auch noch allerlei geschrieben und gestempelt werden. Diesmal gibt es auch eine Quittung und das Wechselgeld in Lari. Nun dürfen wir los. Willkommen in Armenien!
Die Straße ist löchrig und wir kommen nur langsam voran. Yerevan können wir heute keinesfalls mehr erreichen. Der aufkommende Sturm lässt uns noch langsamer werden. Landschaftlich ist es schön, bergig und kahl, aber wir sehen viel Müll rumfliegen.
Bei einem Bank- und Tankstop in Gyumri entscheiden wir für heute Schluss zu machen und suchen uns ein Hotel. Die Mopeds kommen in eine benachbarte Garage, die von einem armen jungen Hund mit abgeschnittenen Ohren und Schwanz bewacht wird. Der kleine freut sich riesig uns zu sehen. Er tut mir so leid in seinem winzigen Zwinger. Ganz schrecklich ist das.
Wir besuchen einen Supermarkt und erwerben dort neben Wasser und anderen Langweiligkeiten eine Vielzahl an unterschiedlichen Bonbons. Diese gibt es nämlich lose, man steckt sie in Tütchen, dann werden sie gewogen und mit einem Preisschild versehen, anschließend trägt man alles zur Kasse. Eine sehr nette Verkäuferin hilft mir, weil es nämlich komplizierter ist, als man meint. Ich stecke erst verschiedene Preisklassen in eine Tüte und wähle dann zu wenige Bonbons aus, als das die Waage ein Gewicht ermitteln könnte. Aber gemeinsam kriegen wir es hin und ich trage voller Glück meinen Schatz heim.
Zum Abendessen wählen wir ein Sushilokal, deren einzige Gäste wir sind. Nach lustigen Hin- und Her mit einem sehr geduldigen Keller, dem wir mittels Bilder und Gesten unsere seltsamen Ernährungsbeschränkungen (Tiere bös, Salami auch Tier und daher bös, ein hoch aufs Gemüse) erläutern, bekommen wir vegetarische Sushi und eine Pizza, die mit großer Wahrscheinlichkeit vom gegenüberliegenden Italiener stammt.
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